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Einleitung
„Die alte Welt stirbt, die neue lässt auf sich warten. In diesem Interregnum treten die verschiedenartigsten Krankheitserscheinungen auf.“[1] Diese düstere Prognose, die Antonio Gramsci vor rund 90 Jahren formulierte, rückt derzeit erneut in den Fokus der Aufmerksamkeit. Solche Symptome sind heute überall zu beobachten, und die globale Ordnung, die die USA nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gleichsam wie durch ein Wunder geschaffen hatten, gerät in disruptiver Weise ins Wanken. Die zunehmende hegemoniale Rivalität zwischen den USA und China stürzt die Welt sowohl geopolitisch als auch geoökonomisch in eine Phase tiefer Unsicherheit. Das westfälische Souveränitätskonzept und die Charta der Vereinten Nationen, die die Unverletzlichkeit staatlicher Souveränität und territorialer Integrität festschreiben, werden ausgehöhlt – wie Russlands Angriff auf die Ukraine deutlich zeigt.
Ein weiteres deutliches Symptom dieses Interregnums ist der relative Rückgang amerikanischer Macht und Einflussstellung in Ostasien. Dies hat zahlreiche Spekulationen über die künftige Rolle der USA in der Region ausgelöst, darunter auch die Vorstellung eines „Ostasien ohne die USA“. Eine solche Idee galt lange als undenkbar, gerade weil die amerikanische Präsenz so dominant war und vielen Staaten der Region Vorteile brachte. Heute jedoch hat sich das „Denken des Undenkbaren“ unter Intellektuellen in ostasiatischen Ländern als neues Narrativ etabliert. Der vorliegende Essay analysiert die komplexen Dynamiken dieser neuen Deutungsmuster aus ostasiatischer (südkoreanischer) Perspektive.