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WIEN, ÖSTERREICH — Die Institutionen, die vor acht Jahrzehnten geschaffen wurden, um die Last der Welt zu tragen, stehen unter beispiellosem Druck. Die Herausforderungen für die Menschheit aber wachsen weiter: Konflikte und geopolitische Fragmentierung, Klimawandel, Ungleichheit und Nachhaltigkeitsziele (SDGs), die noch längst nicht erreicht sind.

Im Mittelpunkt der Diskussion in Wien stand deshalb nicht nur die Frage, ob der Multilateralismus in der Krise steckt, sondern auch, wie er für eine Welt im Umbruch tauglich gemacht werden kann.
Global Neighbours und das Center for International Relations and Sustainable Development (CIRSD) brachten am 9. September im “Am Hof 8 – Private Members Club” hochrangige Vertreterinnen und Vertreter aus Diplomatie, multilateralen Organisationen, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zur Wiener Präsentation der Horizons-Ausgabe Nr. 35, „The Unbearable Lightness of Global Governance", zusammen.
Ausgangspunkt des Abends war der Essay „The Architecture of Survival: Why the World Cannot Wait for Governments Alone", den Frau Jovanka Porsche, Gründerin und Vorsitzende von Global Neighbours, und Herr Siddharth Chatterjee, CEO von Global Neighbours und früherer Resident Coordinator der Vereinten Nationen in China, zu dieser Ausgabe beigesteuert haben.
Von der Diagnose der Krise zum Wiederaufbau des Systems
S.E. Herr Vuk Jeremić, Präsident des CIRSD, Chefredakteur von Horizons und Präsident der 67. Sitzungsperiode der Generalversammlung der Vereinten Nationen, eröffnete und moderierte die Diskussion.
Mit ihm diskutierten Frau Porsche, Herr Chatterjee sowie S.E. Prof. Dr. Igor Lukšić, früherer Premierminister Montenegros und ehemaliger Visiting Fellow von Global Neighbours.
Bei der Vorstellung der Ausgabe verwies Herr Jeremić auf einen grundlegenden Widerspruch der internationalen Ordnung: Acht Jahrzehnte nach ihrer Begründung seien genau jene Institutionen, die die Last der Welt tragen sollen, immer weniger dazu in der Lage.
Angesichts der Tatsache, dass derzeit weniger als eines von fünf Zielen für nachhaltige Entwicklung auf Kurs ist und bewaffnete Konflikte den höchsten Stand seit 1945 erreicht haben, fragte die Diskussion danach, welche Art von Führung, Partnerschaften und institutioneller Innovation nötig ist, um das Vertrauen in die internationale Zusammenarbeit wiederherzustellen.
Jovanka Porsche: Die Voraussetzungen schaffen, damit Regierungen handeln können
Frau Porsche argumentierte, die wachsende Kluft zwischen dem, was Regierungen leisten können, und dem, was die Welt derzeit braucht, verlange ein breiteres Ökosystem von Akteuren, die Verantwortung übernehmen.
Sie stellte Global Neighbours als „Think-and-do-Tank" vor: eine Organisation, die nicht nur Gespräche organisiert, sondern Dialog in konkrete Initiativen, Beziehungen und Handeln übersetzt. Im Zentrum dieses Ansatzes steht Tracks to the Future, das mobile, hochrangig besetzte internationale Forum von Global Neighbours, das Europa und Asien durch Dialog, Innovation und Partnerschaft verbindet.
Tracks to the Future bringt Führungspersönlichkeiten aus Politik, Diplomatie, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft an einem Ort zusammen und will so die Beziehungen und das gegenseitige Verständnis schaffen, die nötig sind, um geopolitische Gräben zu überbrücken.
Wie Frau Porsche betonte, gehe es nicht darum, Regierungen zu umgehen, sondern darum, den Boden zu bereiten, auf dem sie handeln können.

Siddharth Chatterjee: Multilateralismus muss praktisch werden
Gestützt auf fast drei Jahrzehnte im multilateralen System, darunter seine Tätigkeit als UN-Resident Coordinator in Kenia und zuletzt in China, argumentierte Herr Chatterjee, die Zukunft des Multilateralismus hänge davon ab, über rhetorische Bekenntnisse hinauszugehen und zu praktischer Innovation zu gelangen.
Die klassische Track-1-Diplomatie zwischen Regierungen bleibe unverzichtbar. Doch Track-2- und Track-1.5-Diplomatie könnten zusätzlichen Raum für Dialog, technische Zusammenarbeit, Beziehungsaufbau und Problemlösung schaffen, wenn offizielle Kanäle an ihre Grenzen stoßen.
Als eindrucksvolles Beispiel dafür, was auf diese Weise erreicht werden kann, verwies er auf seine Erfahrungen in Kenia.
Bei der Bekämpfung der Müttersterblichkeit kamen dort akademische Forschung, staatliche Institutionen, UN-Organisationen und eine außergewöhnliche grenzüberschreitende Koalition aus der Privatwirtschaft zusammen. Von der Princeton University unterstützte Forschung half dabei, zu bestimmen, wo Maßnahmen am dringendsten nötig waren. An der Umsetzung beteiligten sich neben kenianischen Institutionen und UN-Organisationen auch Huawei aus China, Merck aus den Vereinigten Staaten, GlaxoSmithKline aus dem Vereinigten Königreich, Philips aus den Niederlanden und Safaricom aus Kenia.
Für Herrn Chatterjee reicht die Bedeutung dieses Beispiels weit über Kenia hinaus.
Es habe gezeigt, dass öffentlich-private Partnerschaften zu einem praktischen Motor multilateraler Zusammenarbeit werden können – indem sie Länder, Unternehmen, Fachwissen, Technologie, Ressourcen und lokales Wissen um ein gemeinsames menschliches Ziel herum zusammenführen.
„Die Zukunft des Multilateralismus wird nicht von Regierungen allein gebaut werden", sagte Herr Chatterjee. „Öffentlich-private Partnerschaften werden dafür entscheidend sein. Wenn Regierungen, die Vereinten Nationen, die Wissenschaft, die Wirtschaft und die Zivilgesellschaft ihre jeweiligen Fähigkeiten für einen gemeinsamen Zweck bündeln, hört der Multilateralismus auf, ein Anspruch zu sein, und wird zu einem Instrument, mit dem sich reale Probleme lösen lassen."
Die Erfahrung in Kenia verdeutlichte zudem das Potenzial von Track-2- und Track-1.5-Ansätzen, Brücken über geopolitische Grenzen hinweg zu bauen. Die Zusammenarbeit von Organisationen und Unternehmen aus China, den Vereinigten Staaten, dem Vereinigten Königreich, den Niederlanden und Kenia zeigte, dass gemeinsame menschliche Herausforderungen Raum für Kooperation schaffen können – selbst dann, wenn die Beziehungen zwischen Staaten belastet sind.

Igor Lukšić: Die Entwicklungsagenda nach 2030
S.E. Prof. Dr. Lukšić brachte die Perspektive eines früheren Regierungschefs ein, der die Integration Montenegros in die multilateralen und europäischen Strukturen verhandelt hat.
Er skizzierte vier mögliche Entwicklungspfade für die Agenda für nachhaltige Entwicklung nach 2030: Fragmentierung; eine fokussiertere Agenda nach dem Vorbild der Millenniumsentwicklungsziele; Erneuerung und Reform der SDGs; oder eine Hinwendung zu dem, was er als „strategische Globalisierung" bezeichnete – ein Modell, bei dem nachhaltige Entwicklung zunehmend über regionale und plurilaterale Rahmenwerke verfolgt wird.
Sein Beitrag machte eine grundlegende Herausforderung deutlich: Die Welt braucht nicht einfach ein weiteres globales Rahmenwerk. Sie braucht die politischen Anreize, die Partnerschaften, die Finanzierung und die institutionelle Kapazität, um gemeinsame Ambitionen in messbare Ergebnisse zu übersetzen.

Eine neue Rolle für Europa
Die Diskussion beleuchtete auch Europas Position in einer zunehmend multipolaren internationalen Ordnung.
Die Teilnehmenden betonten, Europa müsse strategische Selbstüberschätzung hinter sich lassen, offen für neue Partnerschaften bleiben und seine Beziehungen zu den Großmächten – darunter die Vereinigten Staaten, China und Russland – neu bewerten.
Ob Europa seine strategische Autonomie stärken, konstruktiv mit China zusammenarbeiten und zu einem Weg zur Beendigung des Krieges in der Ukraine beitragen kann, wird für seine künftige Rolle im entstehenden internationalen System entscheidend sein.
Zugleich wird Europas Einfluss immer stärker nicht nur davon abhängen, was seine Regierungen tun, sondern auch davon, ob es gelingt, das breitere Ökosystem aus Wirtschaft, Wissenschaft, Stiftungen, Zivilgesellschaft und weiteren nichtstaatlichen Akteuren zu mobilisieren.
Von einer Welt der Blöcke zu einem Netz aus Brücken
Der Abend endete mit der gemeinsamen Erkenntnis, dass die Zukunft des Multilateralismus nicht allein auf den Institutionen und Annahmen der Vergangenheit ruhen kann.
Die Welt wird fragmentierter und multipolarer. Doch Fragmentierung muss nicht Lähmung bedeuten.
Die Aufgabe besteht darin, Brücken zu bauen, wo Institutionen damit an ihre Grenzen stoßen; Partnerschaften zu schaffen, wo geopolitische Gräben sich verfestigt haben; und Dialog in praktische Zusammenarbeit zu überführen.
Das ist die Prämisse hinter der Arbeit von Global Neighbours – und hinter Tracks to the Future.
Die nächste Ära des Multilateralismus wird Regierungen erfordern, die führen, aber ebenso andere, die ihren Beitrag leisten: Unternehmen, die Technologie und Kapital einsetzen können; Universitäten, die Erkenntnisse und Innovationen hervorbringen; Stiftungen, die Risiken eingehen können; eine Zivilgesellschaft, die Vertrauen aufbaut; und Netzwerke, die Menschen über Grenzen hinweg verbinden.
Die Architektur des Überlebens muss daher breiter angelegt sein als die Architektur des Regierens.
Das Gespräch wurde bei einem informellen Flying Dinner fortgesetzt. Für die Gäste lag ein Sonderdruck von „The Architecture of Survival: Why the World Cannot Wait for Governments Alone" bereit, außerdem war die Horizons-Ausgabe Nr. 35 ausgelegt.
