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Beim neuesten Global Neighbours Breakfast Club erläuterte der ehemalige australische Botschafter Dr. Geoffrey Raby, wie sich das Machtgefüge in Eurasien verschiebt – und warum Europa sich diese Entwicklungen nicht leisten kann zu übersehen.

Raby argumentierte, dass Chinas langfristige Strategie weniger aus Selbstbewusstsein, sondern vielmehr aus einem tief verankerten historischen Sicherheitsbedürfnis entsteht. Über Jahrhunderte hinweg bestand Pekings Priorität darin, seine Grenzen zu sichern und Einheit in einem ehemals zersplitterten Territorium zu bewahren. Maßnahmen in Regionen wie Xinjiang seien daher vor allem durch Grenzsicherung motiviert – nicht durch Ideologie.
Ein neues geopolitisches Gravitationszentrum
Zentralasien, so Raby, spielt in dieser Entwicklung eine Schlüsselrolle. Länder wie Kasachstan und Usbekistan lösen sich zunehmend aus der Abhängigkeit von Russland und bauen ihre Beziehungen zu China aus. Erstmals in seiner Geschichte verfügt China über ein hohes Maß an Grenzsicherheit – und kann dadurch weit über seine unmittelbare Nachbarschaft hinaus Einfluss ausüben. Neue Bahnverbindungen und Transportkorridore, die China mit Usbekistan und Afghanistan verbinden, sind Ausdruck dieser Strategie: Macht tief in Eurasien zu verankern und die Abhängigkeit von verwundbaren Seewegen wie der Straße von Malakka zu verringern.
Raby verknüpfte diese Entwicklungen mit klassischen Theorien der internationalen Beziehungen, darunter Halford Mackinders Heartland-Konzept und Nicholas Spykmans Rimland-Theorie. Chinas massiver Ausbau seiner Landinfrastruktur deute darauf hin, dass das eurasische Binnenland wieder stärker zum geopolitischen Zentrum der Weltpolitik werde.
Zwischen Chancen und Misstrauen
Gleichzeitig warnte Raby vor der Komplexität dieser Transformation. Zentralasiatische Regierungen begrüßen chinesische Investitionen, doch in der Bevölkerung herrscht Skepsis gegenüber sowohl Peking als auch Moskau. Trotz ihrer „grenzenlosen Freundschaft“ seien Russland und China historisch voneinander misstrauisch geprägt und verfolgten unterschiedliche Interessen – ein potenzieller Bruchpunkt für die Zukunft Eurasiens.
Europas Rolle
Europa, so Raby, stehe vor zwei miteinander verbundenen Aufgaben. Erstens müsse es Zentralasien direkter einbinden, um zu verhindern, dass die Region unter den Einfluss einer einzigen Großmacht gerät. Zweitens brauche Europa eine Strategie, um Russlands vollständige Abhängigkeit von China zu vermeiden und langfristig Wege zu finden, Moskau wieder stärker in den europäischen Raum einzubinden.
Höhepunkte der Diskussion
In der Fragerunde standen Usbekistans „wirtschaftliche Diplomatie“ und die Belt and Road Initiative im Mittelpunkt (zentrale Treiber seines exportorientierten Wachstums). Als doppelt binnengelegenes Land ist der Aufbau neuer Verbindungen zu globalen Märkten entscheidend für seine Entwicklung.
Auch Afghanistan wurde diskutiert: Ohne wirtschaftliche Alternativen drohten viele ländliche Regionen in die Opiumwirtschaft zurückzufallen, was die Stabilität gefährden würde. Teilnehmende betonten die Bedeutung langfristiger internationaler Investitionen und die Rolle der Vereinten Nationen bei der Unterstützung nachhaltiger Lösungen.
Schließlich führte der Krieg in der Ukraine zu einer Debatte über Chinas strategische Überlegungen. Raby merkte an, dass ein geschwächtes Russland zwar Pekings Interessen dienen könne, ein plötzlicher Regimekollaps in Moskau jedoch ein Albtraum für die chinesische Führung wäre – aus Angst vor Instabilität im eigenen Land.
Die Sitzung machte deutlich, wie eng Handel, Sicherheit und politische Unsicherheit in Eurasien miteinander verwoben sind – und wie sehr diese Entwicklungen die globale Ordnung der kommenden Jahre prägen werden.