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AlterndeGesellschaften:WasEuropaundOstasienvoneinanderlernenkönnen

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    Nie zuvor haben Menschen in Europa und Ostasien so lange gelebt wie heute, und zugleich bekommen Frauen dort so wenige Kinder wie kaum je zuvor in der neueren Geschichte. Beide Regionen altern rasant, und in vielen Ländern ist die einheimische Bevölkerung bereits rückläufig. Wie Gesellschaften auf diesen tiefgreifenden demografischen Wandel reagieren, stand am 29. September im Mittelpunkt des Global Neighbours Breakfast Club. Durch die Diskussion führte Prof. Rainer Münz, einer der profiliertesten Experten für Demografie und Migration in Europa, der von 2015 bis 2019 den Präsidenten der Europäischen Kommission, Jean-Claude Juncker, in diesen Fragen beriet. Heute berät er die Generaldirektion Migration und Inneres der Kommission im Bereich Migrationsvorausschau und ist seit 2012 Mitglied des Expertenrats für Integration der österreichischen Bundesregierung.

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    Teilnehmende des Global Neighbours Breakfast Club mit Prof. Rainer Münz (Complexity Science Hub Vienna), Wien, 29. September 2026

    Global-Neighbours-CEO Siddharth Chatterjee eröffnete den Morgen mit einem Vergleich, der die Dimension des Themas veranschaulichte. Mitte des 20. Jahrhunderts hatten Schweden und Kenia etwa gleich viele Einwohner; heute ist die Bevölkerung Kenias um ein Vielfaches größer und deutlich jünger. Ohne Investitionen in das Humankapital Afrikas, so Chatterjee, werde der Mangel an Arbeitsplätzen weiterhin Migration auslösen. Das bisherige Entwicklungsmodell funktioniere aus seiner Sicht nicht mehr.

    Ein Zeitalter der Extreme

    Prof. Münz beschrieb die Gegenwart als ein Zeitalter der Extreme. Weltweit bekommen Frauen im Durchschnitt rund 2,2 Kinder, doch hohe Geburtenraten konzentrieren sich inzwischen auf Afrika und den Nahen Osten, eine Entwicklung, die unter anderem die katholische Kirche zur am schnellsten wachsenden Glaubensgemeinschaft gemacht hat. Fast überall sonst sinken die Geburtenraten weiter, und der Großteil der Weltbevölkerung lebt bereits in Ländern, in denen zu wenige Kinder geboren werden, um die Bevölkerungszahl stabil zu halten. Prof. Münz rechnet damit, dass die Weltbevölkerung um 2060 mit etwa 10,5 Milliarden Menschen ihren Höchststand erreicht und danach deutlich zurückgeht.

    Am niedrigsten sind die Geburtenraten in den am stärksten entwickelten Regionen, und ein Grund dafür liegt in der veränderten Rolle von Kindern. Früher waren sie eine Form der Absicherung, denn sie versorgten ihre Eltern im Alter. Heute übernehmen weitgehend die Pensionssysteme diese Aufgabe. Der wirtschaftliche Anreiz, Kinder zu bekommen, ist schwächer geworden, und in mancher Hinsicht gelten Kinder mittlerweile fast als eine Art Luxus. Für den Einzelnen mag der Anreiz gering sein, für die Gesellschaft als Ganzes bleibt die nächste Generation jedoch unverzichtbar. Nirgendwo zeigt sich dieses Spannungsverhältnis deutlicher als in China und Europa, wo die Geburtenraten sehr niedrig sind.

    Während weniger Kinder zur Welt kommen, leben die Menschen immer länger. Die Lebenserwartung hat Rekordwerte erreicht, insbesondere in der Europäischen Union und in Ostasien, wobei Frauen nach wie vor deutlich länger leben als Männer. Überraschenderweise, so Prof. Münz, hängt eine hohe Lebenserwartung nur lose mit den Gesundheitsausgaben eines Landes zusammen; andere Faktoren spielen eine entscheidendere Rolle. Zusammen haben diese Entwicklungen China und Europa an einen Wendepunkt gebracht, an dem jedes Jahr mehr Menschen sterben als geboren werden. Die Folge ist eine alternde Gesellschaft und eine schrumpfende einheimische Bevölkerung.

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    Prof. Rainer Münz, ehemaliger Berater für Migration und Demografie von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, bei seinem Vortrag über Bevölkerungsentwicklungen in Europa und Ostasien

    Vom Auswanderungs- zum Einwanderungskontinent

    Über Jahrhunderte war Europa ein Kontinent, dessen Menschen in die Welt hinauszogen. Millionen Europäer wanderten auf der Suche nach Land, Arbeit und einem besseren Leben nach Nordamerika, Australien und in andere Regionen aus. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich diese Bewegung umgekehrt: Europa ist zum Ziel geworden und holt Arbeitskräfte ins Land, um seine Volkswirtschaften am Laufen zu halten. Vor allem Westeuropa hat von Migration profitiert, während viele mitteleuropäische Länder Bürger verlieren, die ins Ausland gehen, oft in andere EU-Staaten. Ohne Migration, so Prof. Münz, würde die Bevölkerung der Europäischen Union bereits schrumpfen. Die öffentliche Migrationsdebatte in Europa wird allerdings weniger von diesen Zahlen bestimmt als von Wahrnehmungen. Was viele als Problem empfinden, sei nicht Migration an sich, sondern die Präsenz sichtbarer Minderheiten, und in der europäischen Debatte richte sich diese Sorge vor allem auf muslimische Zuwanderung. Diese Wahrnehmung, mehr als die demografischen Fakten, präge häufig den Ton der politischen Auseinandersetzung.

    Ostasien steht vor demselben demografischen Druck, reagiert darauf aber auf andere Weise. In China findet Migration vor allem innerhalb der eigenen Landesgrenzen statt, indem Menschen von einer Region in eine andere ziehen, statt aus dem Ausland zu kommen. In Japan, dessen Bevölkerung zu den ältesten der Welt zählt, arbeiten immer mehr Menschen über das Pensionsalter hinaus, was die Folgen einer schrumpfenden Erwerbsbevölkerung abfedert.

    Was wirkt?

    Gesellschaften reagieren auf den demografischen Wandel auf unterschiedliche Weise: durch die Anpassung von Sozialleistungen und Dienstleistungen, durch geburtenfördernde Familienpolitik, durch ein höheres Pensionsantrittsalter sowie durch Automatisierung und Zuwanderung. Prof. Münz ging der Frage nach, ob diese Ansätze wirksam und nachhaltig sind und was Europa und Ostasien voneinander lernen können. Die Diskussion mit den Gästen brachte weitere Perspektiven ein. Teilnehmende erinnerten daran, dass sinkende Geburtenraten vor nicht allzu langer Zeit weithin als positive Entwicklung galten und die Sorge vor Überbevölkerung die Debatte bestimmte. Diese Diskussion ist inzwischen fast völlig verschwunden, obwohl eine kleinere Weltbevölkerung auch dazu beitragen könnte, einige der großen globalen Herausforderungen zu entschärfen. Das Gespräch drehte sich zudem um die Frage des Zeitpunkts und um Maßnahmen, die Menschen ermutigen, früher Kinder zu bekommen. Auch künstliche Intelligenz wurde als möglicher Weg genannt, den Problemen einer schrumpfenden Bevölkerung zu begegnen. Prof. Münz gab jedoch zu bedenken, dass der durch KI geschaffene Wohlstand derzeit stark konzentriert ist.

    Ob Familienpolitik, längere Erwerbsleben, neue Technologien oder Migration: Keine einzelne Maßnahme wird den Trend für sich allein umkehren. Europa und Ostasien werden weiter altern, und vielerorts wird ihre Bevölkerung weiter schrumpfen. Offen bleibt, wie klug beide Regionen auf diesen Wandel reagieren, und dabei könnten sie viel voneinander lernen.

    Die Diskussion fand unter der Chatham House Rule statt.